Rezension: Wie wir die Welt sehen

Buchrezension: Wie wir die Welt sehen von Ronja von Wurmb-Seibel

Warum jeder dieses Buch lesen sollte

Kennst du das? Jemand spricht ein Thema an oder du liest davon und merkst sofort: „Das trifft mich im Kern.“
Während ich das Buch „Wie wir die Welt sehen“ von Ronja von Wurmb-Seibel gelesen habe, habe ich mich so sehr mit den Inhalten und damit zugleich mit der Autorin verbunden gefühlt. Endlich! Endlich bringt es jemand auf den Punkt. Eine Journalistin setzt sich mit einem gesunden Umgang mit Nachrichten auseinander und macht damit noch viel mehr. Doch eigentlich war es zunächst ein Interview im Radio, das mich neugierig machte. Die Autorin und Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel stellte ihr Buch vor, in welchem sie sich mit sogenanntem „Konstruktivem Journalismus“ beschäftigt. Sie befasst sich damit, „was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien“. Warum mich dieses Buch so begeistert und was es für mich bedeutet, dass sich eine Journalistin mit dieser Thematik befasst, das möchte ich mit meiner Buchrezension zum Ausdruck bringen.

Für wen genau ist das Buch geeignet?

Das Buch ist zunächst einmal für jeden geeignet, der sich für einen gesunden Umgang mit Nachrichten interessiert. In einer einerseits sehr unruhigen Zeit und andererseits starken Nachrichtenüberflutung in diversen sozialen Medien, ist dieses Thema wichtiger denn je.
Wie gehst du mit Nachrichten um? Gehörst du eher zu denen, die gar nicht so sehr darauf achten, sondern sich mal hier, mal da Informationen verschaffen? Vielleicht gehörst du aber auch zu denjenigen, die Nachrichten vermeiden, weil sie gemerkt haben, dass sie zumeist viel zu negativ sind und sich in ungesunder Weise auswirken. Aber was ist nun das Richtige? Das Buch gibt eine Antwort darauf, wie sich ein gesunder Nachrichtenkonsum gestaltet. Und damit richtet es sich natürlich auch an Journalisten, die laut Ansicht der Autorin einen großen Einfluss darauf haben, wie Informationen transportiert und verarbeitet werden können. Aber meiner Meinung nach geht das Buch noch weiter. Die Inhalte beziehen sich auf weitaus mehr, als auf den Konsum und die Verarbeitung von Nachrichten. Es steckt eine Haltung zur seelischen Gesundheit dahinter, die sich auch auf andere Bereiche unseres übertragen lässt. Und genau das macht das Buch meiner Meinung nach für jeden lesenswert, der sich für seelische Gesundheit interessiert.


Was sind die Kernbotschaften?

1. Nachrichten sind immer ausgewählte Informationen

Ronja von Wurm-Seibel stellt klar, dass sich Nachrichten stets auf einen Teil eines bestimmten Ereignisses beziehen, Nachrichten daher „niemals vollständig“ sind. Sie schreibt von sogenannten „Nachrichtenfaktoren“, die für journalistische Berichte von Bedeutung sind. Diese umfassen die Bereiche, die entsprechend wissenschaftlicher Studien von Interesse sind:

„Berichtet wird, was in der Nähe passiert, was ungewöhnlich ist, konfliktreich, berühmte Personen betrifft oder weitreichende Konsequenzen hat.“

Nachrichten sind also kein Abbild der Wirklichkeit. Insbesondere Menschen, die sich das nicht bewusst machen und sehr viel Nachrichten konsumieren, erhalten auf diese Weise aber ein stark verzerrtes Bild auf die Wirklichkeit, das sie nicht mehr infrage stellen. Da der überwiegende Nachrichtenanteil aus negativen Informationen besteht und schon 1977 „71,4 % aller TV-Nachrichten Hilflosigkeit zeigen“ (S. 71) merkt sie an:

„Schon eine Viertelstunde Medienkonsum kann ausreichen, um den eigenen Blick auf die Welt grundlegend zu verschlechtern…Bei den Teilnehmenden, die negative Nachrichten zu sehen bekamen, stieg nicht nur das Level an Angst über den Zustand der Welt. Auch die Sorgen über ihr jeweils eigenes Leben nahmen deutlich zu.“


2. Nachrichten beeinflussen unsere Glaubenssätze

Glaubenssätze sind unsere Überzeugungen, unsere innere Brille, mit welcher wir die Welt betrachten. Frühe kindliche Erfahrungen, unser soziales Umfeld und unsere eigene Umgangsform haben Einfluss darauf. Im therapeutischen Kontext spielt die Betrachtung der Glaubenssätze eine wichtige Rolle. Diese zu erkennen und auf gesunde Weise zu verwandeln, ist ein wichtiger Prozess für gesunde Weiterentwicklung. Im journalistischen Kontext ist hier zudem zu berücksichtigen, dass unser Gehirn nicht unterscheiden kann zwischen selbst erfahrenen und berichteten Informationen.

„Wir sind manchmal dermaßen überzeugt von Nachrichten, dass wir sie weitererzählen, als hätten wir es mit unseren eigenen Augen gesehen….Medienberichte können… Erinnerungen schaffen und konkrete Glaubenssätze formen – und zwar auf die gleiche Weise, wie es persönlich erlebte Erfahrungen tun.“

Psychologin Jodie Jackson

3. Gesunder Nachrichtenkonsum mit „Konstruktivem Journalismus“

Der Autorin geht es darum, dieser Negativschleife und der daraus entstehenden Ohnmacht eine andere Richtung zu geben. Es geht ihr nicht darum, kritischen, negativen oder belastenden Themen aus dem Weg zu gehen. Nein, im Gegenteil. Ihr Ziel ist eine umfangreiche Berichterstattung mit einem wichtigen Detail: Dem Blick nach Vorne:

„Ich frage nicht mehr nur, was schieflief, sondern auch, was wir dagegen tun können.“

Ziel ist es hierbei, nicht in dieser Negativschleife zu verharren, sondern ein Bewusstsein für die eigene Handlungsfähigkeit zu bekommen. Wie einfach und genial zugleich, wie ich finde.


Die Formel: Scheiße + X (💩+ X)

Nein, kein Schreibfehler! Mit einer einfachen Formel bringt sie diese Vorgehensweise auf den Punkt. Bleiben negative Nachrichten (💩) im Raum stehen, erzeugen sie Ohnmacht und spielen denjenigen in die Hände, die sich diese Ohnmacht zunutze machen. Wenn also lediglich von einem problematischen Ereignis berichtet wird, bleibt das Ereignis im Raum stehen. Diesen Raum aber zu öffnen mit Möglichkeiten der Einflussnahme (+X), seien sie auch noch so klein, haben einen anderen psychologischen Effekt. Mich überzeugt bei ihrer Argumentation die sehr realistische Haltung, dass auf diese Weise nicht ein Positiv-Deckmäntelchen über unsere Welt gelegt wird, sondern Schritt für Schritt eine lösungsorientierte Grundhaltung möglich ist. Angenommen, wir wären in der Lage, unmittelbar die Lösungsorientierung im Fokus zu haben, hätten Parteien, deren Berichterstattung ausschließlich aus der Verbreitung von Angst, Gewalt und Ohnmacht besteht, keinen Nährboden mehr. Wie aber gelingt diese lösungsorientierte Herangehensweise? Ronja von Wurmb-Seibel bringt es auf den Punkt:

„Sobald wir ein Problem gefunden haben, können wir uns auf die Suche nach dem gedachten Idealzustand machen…Wenn wir die Dinge, die uns wütend machen, andern wollen, müssen wir zuerst entscheiden, womit wir beginnen. Wir müssen eine Wahl treffen. Einen Startpunkt finden. Einen Fokus. Und dabei alle anderen Dinge, die uns ärgern, loslassen.“


Bedeutung dieses Buches für mich und meine Arbeit

Das Buch ermutigt mich, meinen Weg weiterzugehen. Auf dem Weg zur seelischen Gesundheit ist es meiner Überzeugung nach nämlich unerlässlich, sich auch mit den schwierigen Themen zu befassen. Die sogenannte Positive Psychologie, die insbesondere die Stärken im Fokus hat, ist meiner Haltung nach nicht tiefgründig genug, um langfristige Veränderungsprozesse auf den Weg zu bringen. Genauso kritisch betrachte ich aber auch die noch immer dominante psychotherapeutische Grundhaltung, in schwierigen, belastenden Themen – häufig aus längerer Vergangenheit – zu rühren. Wichtig ist meiner Meinung nach die Gegenwart und eine schrittweise Auseinandersetzung mit kritischen Themen.

Die Formel: Scheiße + X (💩 + X) bringt auf den Punkt, was ich tagtäglich in meiner Arbeit mache.

Nicht schönreden, wegreden, ausblenden.

Nein!
Schwierigen Themen in die Augen schauen, aber auf Augenhöhe.
Die Bereitschaft, das zu tun, ist meiner Meinung nach der Schlüssel zur seelischen Gesundheit.

Noch immer werden seelische Probleme viel zu häufig vertuscht und stigmatisiert. Damit aber entsteht Ohnmacht und es werden Möglichkeiten verschenkt, selbst gesund Einfluss zu nehmen oder sich professionelle Unterstützung zu suchen. Diese einfache Formel ist somit sehr viel tiefgründiger, als es zunächst den Anschein hat. Ich bin begeistert.


Resümee

Ich freue mich, wenn ich dich neugierig gemacht habe mit dieser Buchrezension.
Und wenn dich ebenso mit den Inhalten verbunden fühlst, dann lasse uns doch gerne vernetzen! 😊

Eine kleine Anmerkung: Diese Rezension ist keine Werbung, sondern lediglich Ausdruck meiner persönlichen Einschätzung.

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