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Wer will Muttertag?

Über Sinn und Unsinn einer fragwürdigen Tradition

Für alle Söhne, Töchter und Mütter

Bald ist es mal wieder so weit! Traditionell am 2. Sonntag im Mai wird Muttertag gefeiert.

Vielleicht hast du auch schon daran gedacht? Schon seit einigen Wochen werde ich immer mal wieder leise darauf aufmerksam gemacht. In Supermärkten sehe ich Dankeschön-Schokolade, in meinem Mail-Postfach bekomme ich diverse Angebote für Grußkarten, Blumensendungen, ohne danach gefragt zu haben. Eigentlich schon immer finde ich den Muttertag irgendwie seltsam. Jetzt möchte ich im wahrsten Sinne des Wortes mal be-SCHREIBEN, warum ich das tue…für mich selbst und vielleicht für viele Söhne, Töchter und Mütter, die auch ein zwiespältiges Verhältnis zu diesem Tag haben. Um es kurz zu machen:

Meinetwegen kann der weg!

Back to the roots – Wie mein Hinterfragen begann

Ich fange einfach mal ganz Vorne an. Jedenfalls soweit vorne, wie ich mich erinnern kann. Ich muss 7 oder 8 Jahre alt gewesen sein. In der Schule habe ich wohl “beigebracht” bekommen, dass es Muttertag gibt. Und nicht nur das. Ich wurde auch darauf vorbereitet. Ein fein säuberlich abgeschriebenes Gedicht, zudem von mir verziert mit kleinen Malereien, muss wohl eine Hausaufgabe gewesen sein. Bei unserem Blumenhändler kaufte ich von meinem Taschengeld einige rosa Blümchen. Mit Gedicht und Blümchen stand ich dann an diesem besagten 2. Sonntag im Mai vor dem Bett meiner Mutter. Ich erinnere mich nicht mehr, wie groß ich ihre Freude darüber einschätzte. Ich war in diesem Moment wohl zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Was ich noch darüber weiß, ist, dass ich mich nicht wohl fühlte in meiner Haut.

Was mache ich denn eigentlich hier?
Warum stehe ich hier und sage DANKE?


War zuvor doch alles irgendwie selbstverständlich, bekam es durch dieses vorbereitete “Danke” irgendetwas Befremdliches.
Wieso gibt es diesen so besonderen Tag im Jahr, an dem es scheinbar von mir erwartet wird, dass ich meiner Mutter DANKE sage?

Übrigens: Dass Nelken wohl Beerdigungsblumen sind, lernte ich bei dieser Gelegenheit unfreiwillig gleich mit dazu. Meine Oma sprach es nämlich an, als sie von der Auswahl meiner Blumen erfuhr.

Wie ich mit meiner Mutter ein Agreement fand

Wieder in der Schule, ca. 5 Jahre später, lernte ich genug über diesen Tag, um ihn für den Rest meines Lebens ignorieren zu wollen:

Im Geschichtsunterricht erfuhr ich nämlich, dass im 3. Reich durch die Nationalsozialisten dieser Tag eine besondere Bedeutung in Deutschland bekam, da er für Propagandazwecke genutzt wurde. Man nahm ihn zum Anlass, besonders die kinderreichen Mütter für ihre Verdienste zu ehren. Als ich das lernte, war für mich die Sache besiegelt.

Entstanden sein soll diese Tradition ja in der amerikanischen Frauenbewegung, diente ursprünglich dem Zweck, den besonderen Leistungen der Mutter Beachtung zu schenken, entwickelte sich aber sehr schnell zu einem kommerziellen Spektakel für Blumenhändler, was wohl bereits schon der Begründerin dieses Tages widerstrebte.

Für mich jedenfalls war klar: Diese Tradition hat ein Ende. Mit meinen neuen Erkenntnissen ging ich damals direkt zu meiner Mutter.

Schnell waren wir uns einig:
Dieser Tag wird von nun an für uns ein völlig normaler Sonntag. Ich glaube, wir waren beide gleich froh darüber.

Und bei dieser Erkenntnis allein könnte es bleiben, wenn da nicht noch etwas anderes wäre.

Leidensdruck statt Dankbarkeit

In meinem Job habe ich es immer wieder mit Müttern, Töchtern und Söhnen zu tun. Alle Jahre wieder ist auch der Muttertag hier ein Thema.

Ich erlebe, dass sehr viele Mütter regelrecht leiden, weil sie nicht die Anerkennung an diesem Tag bekommen, die sie sich insgeheim wünschen.

Ich erlebe Mütter, die Angst haben, an diesem Tag ignoriert zu werden.

Ich nehme wahr, wie sehr sich viele Mütter an diesem Tag innerlich unter Druck setzen.

Doch was lösen sie andererseits auch mit diesem Druck aus?

  • Ich nehme Kinder wahr, die ähnlich wie ich damals Jahr für Jahr aus einem anerzogenen Pflichtgefühl – mit innerem Widerstand – äußerlich “Danke” sagen.
  • Ich denke an einen Muttertag in einem völlig überfüllten Steinhude. Unzählige Familien – mittendrin – eingehakt – die Mütter…

    Ein angeordnetes DANKESCHÖN, ist es wirklich das, was sich eine Mutter wünscht?

Ich als Mutter

Seit fast 21 Jahren bin ich nun selbst Mutter. Um genauer zu sein, bereits schon ungefähr 6 Monate länger. Seitdem ich von meinem ersten Kind in meinem Bauch erfuhr, seit diesem Moment bin ich Mutter. Seitdem ist das Mutter-Sein ein Teil von mir und über viele Jahre war dieser Teil sogar außerordentlich groß. 11 Jahre lang habe ich mit meinen zwei Kindern alleine gelebt, die Verantwortung getragen – rund um die Uhr, an 7 Tagen in der Woche. Mein Alltag war in dieser Zeit naturgemäß fremdbestimmt. So kam es, dass ich mich in dieser Zeit – zwangsläufig – neben meinen Aufgaben als Mutter ebenfalls zur Expertin für meine eigenen seelischen Bedürfnisse entwickelte. Allzu häufig war ich nämlich der Gefahr ausgesetzt, mich SELBST zu vergessen. Mutterliebe ist kraftvoll. Doch jede Mutter ist gefordert, mit diesen vielen Kräften gesund umzugehen. Nicht immer gelingt die Balance zwischen Mutterliebe und Selbstliebe. Vielleicht ist das sogar die größte Aufgabe für uns Mütter.

Gesunde Mutterliebe ist nicht an einen Zweck gebunden – zwecklos sozusagen.

Sie dient nicht irgendeinem Zweck, ist nicht an Bedingungen verknüpft. Das darf sie auch nicht. Dann wird sie ungesund – für Mutter und Kind

Was soll dann Muttertag? Denn mal ehrlich: Wie müsste ein Muttertag denn gestaltet sein, der auch nur annähernd widerspiegeln könnte, was uns als Mütter ausmacht? Wie groß müsste der Blumenstrauß sein? Wie lang der Spaziergang? Wie laut das Dankeschön? Nein, Mutterliebe ist eine Einbahnstraße! Gesunde Mutterliebe ist einseitig stark. Naturgemäß muss sie das auch sein, sonst würden unsere Sprösslinge ja nie das Nest verlassen!

Lasst uns diesem Mythos in unseren Köpfen ein Ende setzen. Lasst uns eingestehen, dass auch Mutterliebe an Grenzen kommen kann. Lasst uns selbst ins Reine kommen mit der Art und Weise, wie wir Mutter sind. Wenn wir das sind, dann verschwindet dieser Muttertag ganz von allein. Keine Mutter braucht den Muttertag für ein DANKE und die Mutter, die ihn doch brauchen sollte, braucht doch eigentlich etwas anderes.

Meine Tipps für Mutter, Tochter und Sohn

Liebe Mutter,
  • falls du den Muttertag nicht einfach irgnorieren magst, dann gestalte ihn doch bitte zu deinem Tag!
  • Mach etwas Besonderes, und zwar das, was DU an diesem Tag feiern möchtest. Kein Mensch kann so gut ermessen bzw. bewerten, was du gemeistert hast oder meisterst als Mutter, als du SELBST!
  • Tu etwas FÜR dich und erwarte es bitte nicht von deinen Kindern. Sie können es gar nicht ermessen. Es ist auch nicht ihre Aufgabe.
  • Feiere dich für das, was du gemeistert hast und verzeihe dir auch die vielen Fehler, die dir bestimmt auch passiert sind. Alle Mütter haben viele Fehler gemacht und machen täglich neue dazu. Gestehe sie dir und anderen ein, dann können wir gemeinsam daran wachsen.
  • Verbeuge dich vor dir selbst für die unzähligen Male, an denen du weit über deine eigene Leistungsgrenze hinaus die Lage gewuppt hast.
  • Gestehe dir auch die Momente ein, in denen du müde warst und deine Grenzen einfach nicht mehr überschreiten konntest. Keine Mutter ist immer gut. Hake ihn ab, diesen Mythos der immerguten Mutter.
Lieber Sohn, liebe Tochter,

falls dir auch etwas unbehaglich ist, wenn du an Muttertag denkst, dann darf das so sein!

  • Vielleicht magst du ja einfach auch mal mit deiner Mutter reden. Vielleicht gelingt es euch ja ganz leicht und ihr findet eine neue Lösung, ob und wie ihr diesen Tag WIRKLICH gestalten mögt.
  • Falls nicht, dann befreie dich von der Aufgabe, eine angemessene Weise des DANKESCHÖNS zu finden.
  • Sollte dir das nicht gelingen, liegt es nicht an dir, sondern an der großen Erwartungshaltung. Für die jedoch bist du nicht verantwortlich – Das ist deine Mutter SELBST.

Woran liegt es eigentlich, dass sich die Tradition dieses Tages weiterhin so unermüdlich hält? Wieso halten wir gesellschaftlich noch immer an diesem Tag fest? Ich bin überzeugt, dass die Bedeutung stark über diesen kommerziellen Nutzen hinausgeht.

Keine Mutter muss an ihre Mutterrolle erinnert werden. Durch diesen Tag wird sie insgeheim aber darauf viel stärker fokussiert als ihr das möglicherweise lieb ist. Alle Mütter sind ja noch so viel mehr…Frau, Tochter, Schwester, Vorgesetzte, Mensch etc. – Das wird oft vergessen, insbesondere von den Müttern selbst. Darüber aber wird seltener und weniger gern geredet, geschweige denn ein Feiertag daraus gemacht. Wie wäre es stattdessen beispielsweise mit einem Feiertag “Weibliche Führungskräfte”? Nur so als Beispiel…

Bis dahin müssen wir noch einige Blumensträuße lang warten.

Nelken? Die mag ich noch immer.
Und wenn mich jemand darauf anspricht, dass das Beerdigungsblumen sind, dann schmunzele ich nur.

Ach ja, und danke Mama, dass wir gemeinsam so klasse mit diesem Tag umgehen.

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2 Responses

  1. Vielen Dank für diesen Artikel,

    Ich feiere den Muttertag auch nicht. Ich finde es fragwürdig, von Kindern zu verlangen, dankbar zu sein für Liebe und Zuwendung, die sowieso da ist. Ich würde auch gerne jedes Kind davon befreien, dankbar sein zu müssen. Mutter Sein ist eine große Leistung, aber sie zu würdigen, dafür bin ich selbst verantwortlich. Und ich wünsche mir, dass Mütter mehr Möglichkeiten entdecken, sich selbst zu feiern. Ich habe das Gefühl, dass es immer noch so ist, dass frau egoistisch genannt wird, wenn sie sich Zeit für ihre eigenen Bedürfnisse nimmt. Dabei ist das für mich das Wichtigste, um wirklich gut für seine Kinder da zu sein!
    Alles Liebe, Daniela

    • Ich freue mich über diese Rückmeldung. Vielleicht ist es ja auch so, dass sich die Erwartungshaltung an die Kinder in Luft auflöst, wenn frau sich selbst feiert kann und ein gutes Gewissen hat, wenn sie auch ihren eigenen Bedürfnissen Zeit schenkt. Ich kann rückblickend sagen, dass diese „eigene Zeit“ für mich damals Gold war. Ich wünsche jeder Mutter, dass sie für diese Energiequellen sorgt.

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